René Gabriel
Ich bin von diesem Wein hin- und hergerissen. Steht seiner Zukunft Genialität oder eine ähnlich schnelle Entwicklung wie bei anderen Lafite-Weinen aus dieser Dekade bevor? Der Tarif wird in den nächsten zehn Jahren etwa zwischen 18/20 und 19/20 Punkten sein. Kaum zugänglich im Jahr 1988 (18/20): Verschlossene Nase mit verdeckter Süsse. Im Gaumen extraktreich, trocken und ebenfalls verschlossen, zungenbeschlagendes Tannin. In seiner Gesamtqualität ist Lafite nicht so erschlagend wie andere Pauillacs. 1990 kurz nach dem 82er Duhart getrunken: Sicherlich nicht mit den besten 82ern mithaltend: Ausladend, aber in sich verschlossen, defensive Süsse, Dörrfrüchte, Malaga, Vanille. Im Gaumen süsse Tannine, an einen Sangiovese erinnernd, noch Barriquenspuren, eng gegliedert mit sehr guten Reserven. Irgendwann wird sich dieser Wein an mir und meinen "Lafite-Unkenntnissen" rächen, dachte ich mir ein Jahr später. Blind eingeschenkt bei Walter Kaufmann sofort als grossen 82er erkannt – aber als welchen? Sehr wahrscheinlich hatte er gar nie eine Fruchtphase. Heute noch komplett verschlossen. Nach einer Stunde ist eine feine, pflaumige Süsse zu erkennen, dann folgen Dörrfrüchte und ein Hauch Zimt, dies alles aber nur in Spurenelementen – von der Spitze des Eisberges aus zu erkennen. Der Gaumen ist kompakt, undurchdringlich mit Massen von Gerbstoffen. Er wird sich dann öffnen, wenn andere ausgetrunken sein sollten. 1994 ein überwältigender Wein in einer Lafite-Vertikale: Er zeigt immer mehr, dass er seine 19/20 Punkte wirklich wert ist. Eine andere Probe: Er ist so verführerisch süss und so vielschichtig, jedoch trotzdem verschlossen wirkend. Während ich, ohne zu wissen, was es war, fast ausflippte, tranken meine Tischnachbarn den 82er Pichon-Lalande leer. Erare humanum est! Süsses Pflaumen-, Sandelholzbouquet im Jahr 1998, fast eine Rioja-ähnliche Süsse, Caramelnote dahinter. Völlig elegant, im Gaumen weich und tänzerisch, rundes, molliges Extrakt. Jetzt schon wunderschön zu trinken. 99: Nicht ganz so genial erlebt: Wird jetzt erdiger und verliert an Frucht, darunter eine mittlere Konzentration. Nicht, dass ich ihm ein Haar krümmen möchte, aber ich bevorzuge glaube, dass der wesentlich preiswertere 1989er Lafite grösser wird. 04: Eine Magnum die aufzeigt, dass dieser 1982er Lafite definitiv keine Chance gegen Mouton und Latour aus dem gleichen Jahrgang hat (18/20). 05: Direkt im Vergleich mit Mouton 1982 und Mouton 1986 bei einer Einladung von Helmut Dorsch in Kitzbühel. Der Serienspender war allerdings Hardy Rodenstock der ebenfalls mit von der Partie war. Der Wein war vielleicht etwas zu warm und eventuell mit 5 Stunden auch etwas zu lang dekantiert worden. Die Nase sehr reif, Rosinentöne zeigend und Hirschledernoten. Im Gaumen fest, recht körnig und zwischen dem Fleisch und den Knochen feine Lücken aufweisend. Trotz dieser sanften Kritik ein grosser Bordeaux, aber kein ganz grosser 1982er. (18/20). 07: Coburg-Tasting. Sehr teife, bemerkenswerte Farbe für die damalige Lafitezeit, erste Reifetöne, aber immer noch sehr satt in der Mitte. Tiefschürfendes Bouquet, Rauch, Specknoten, dunkle Hölzer, wilder Cabernet, viel Korinthen. Fester, junger Gaumen, die Gerbstoffe sind nach wie vor massiv, der Wein zeigt eine noch fordernde Adstringenz, in sich gewaltig konzentriert, nicht viel Finessen zeigend, aber dafür eine unbändige Kraft, die ihn momentan bourgeoiser erscheinen lässt als Mouton und sogar Lafite. Wird noch zulegen können und scheint seine effektive Genussreife noch nicht erreicht zu haben. Gleicht stark seinem 59er. (19/20). 08: Wir degustierten an diesem Abend 24 Jahrgänge Lynch Bages. Welches war der beste Wein des Abends. Neidlos muss ich gestehen - der 1982er Lafite. Bernd Petrat mir ein Glas hin an der Bar. Ich war berauscht; so ein zartes Parfüm, und dieses Parfüm erinnerte mich an den 1953er Lafite in seinen Glanzzeiten. Einfach ein Traum und es wäre unfair, diesem Erlebnis nicht die maximale Punktezahl zu verleihen. Der Wein war mehr als 3 Stunden dekantiert. Also kann das das Geheimnis sein. Und somit gibt dieser Umstand auch eine mögliche Garantie ab, dass der Lafite 82 noch lange, lange in seiner genialen Genussphase sein wird. Diese Flasche: 10/20, 08: Ein paar Monate an der Best-Bottle-Probe in Sempach fast das Gegenteil erlebt. Aufhellendes Weinrot, in der Mitte dunkel. Offenes, nach Kräutern duftendes Bouquet, getrockneter Thymian, helle Edelhölzer, eine dezente Süsse die mitschwingt, Hirschledernoten. Im Gaumen ziemlich delikat, nicht so viel Druck zeigend wie andere, gleich gross gehandelte 82er, tänzerisch, Teenoten, schwarze Beeren, angenehm süssliches Finale, schön zu trinken. Wenn man aber den momentan gehandelten Preis mit in Betracht zieht, dann ist doch der Genuss höher als der Genusswert einzuschätzen. Ist wohl auf dem Höhepunkt. (18/20). 10: Beginnt wie ein ältlicher Roja mit angesengten, rosinierten Duftnoten von Süssholz und getrockneten Küchenkräuter, wird immer süsser in der Nase und legt ein bisschen an Komplexität zu. Im Gaumen leicht mehlig im Körper, noch muskulöse Tanninresten, wirkt insgesamt etwas trocknend. Vielleicht hilft hier längeres Dekantieren. (18/20). 11: Leuchtendes Granat, mitteldunkel. Nobles Bouquet, etwas zurückhaltend, man muss dem Wein entgegen gehen, Sandelholz, Earl-Greynoten, Lakritze, Trüffel und eine ausladende wohlige Cabernetwärme aufweisend. Im Gaumen royal, fein, tänzerisch mit viel Parfüm im Innern, ein vielleicht tendenziell defensiver, wenig kommunikativer Grand Vin den man – verglichen mit anderen 82er Premiers – sicherlich strafen würde. So alleine getrunken, wirkt er wie eine träumerische Mussestunde. Grundsätzlich ist dieser Wein nicht wahnsinnig konzentriert und auch momentan reif, was weder eine Strafe noch eine Schande ist. Das ist halt einfach Lafite! Meine bisher beste Note für diesen, von mir oft auch kritisch betrachteten Pauillac. (19/20). 12: Recht dunkles Weinrot, nur ganz feine Reifetöne am Rand. Warmes, herrlich süsses Bouquet, kalter Schwarztee, Backpflaumen, Edelhölzer, würziger Tabak, gibt sich vielschichtig und weit gefächert, im Hintergrund steigen ganz langsam nussige Pralinen hoch. Im Gaumen die Eleganz und Harmonie pur, alles ist geschmeidig und jedes einzelne Tannin scheint am richtigen Ort zu sein. Die Adstringenz ist somit mild und royal. Ein Traum-Lafite, jetzt am Anfang einer wohl mehr Jahrzehnte dauernden Genussreife. (20/20). 14: Unglaublich jung, unglaublich dicht immer noch viel verlangende, aber doch nobel gerundete Tannine zeigend. (20/20). 17: Aus dem Keller von Georges Kohlik an der Best-Bottle in Luzern. Recht dunkles Weinrot, relativ wenige Reifetöne. Geniales Bouquet, viel Malz, pflaumige Süsse, schwarzer Szechuanpfeffer, Teer, Kräuter- und Minztöne. Unerhört intensiv im Ansatz. Bereits nasal ein Bordeaux-Gigant. Man kann sich da fast nicht satt riechen. Im Gaumen fest, fleischig, immer noch royal adstringierend, vollkommen komplett und perfekt. Power und Finesse in Einem. Er hat in den letzten Jahren stetig zugelegt und gibt sich heute als einer der grössten und auch feinsten Weine in dieser aufstrebenden Lafite-Epoche. (20/20). 22: Immer noch recht dunkles Weinrot, wenig Reifetöne, minim aufhellender Rand aussen. Delikates, nicht aufdringliches Bouquet. Will heissen; man muss dem Wein entgegengehen. Nach und nach setzt er Aromen duftigen frei. Unten Teernuancen, Sommertrüffel, dann pflaumige Fruchtnoten, Damassine, Earl-Grey und Assam-Nuancen. Generell absolut nobel und irgendwie auch erhaben in seiner Grösse mit gleichzeitiger Bescheidenheit. Im Gaumen samtig, elegant, zart füllig und cremig. Die Tannine sind perfekt gereift und der Wein endet mit einer schon fast dramatisch anfühlenden Nonchalance. Ein Billitis-Lafite, den man noch Jahrzehntelang geniessen kann/könnte! (20/20).