René Gabriel
90: Fassprobe (19/20): Sehr wahrscheinlich der beste Wein, der in diesem Jahrhundert auf diesem Weingut produziert worden ist. Wer je einen 79er in vollster Blüte trinken durfte, weiss, was für ein Potential im Boden dieses Weingutes steckt. Süsses, komplexes Bouquet, Vanillenote, reicher, vielschichtiger Duft. Im Gaumen elegant, aber mit grossem Extraktpotential ausgestattet. Wird gleichzeitig auch einer der besten Pauillac dieses Jahrganges sein. Arrivage (19/20): Rauch, warme Frucht, Zimt, kräftig, tief, verlockend. Langer Körperbau mit Massen von mittelfeinen Tanninen, Cassis, dann Vanilleschoten, pfeffriges Extrakt im Fruchtfleisch, ein langes Leben. Einige Mitdegustatoren sehen kopfschüttelnd meine Wertung – die Zeit wird mir recht geben. 1998 an unserer Hochzeitsfeier aus Impérialeflaschen genossen. Nichts notiert, aber kräftig mitgetrunken. 96: Als ich diesen Wein im Jahre 1990 aus dem Fass verkostete, war ich ziemlich einsam mit meiner hohen Bewertung. Einen Einkauf von 120 Flaschen einer einzigen Sorte Wein für einen privaten Keller kann man getrost als Wahnsinn bezeichnen. In der Zwischenzeit habe ich ihn aus einer umwerfenden halben Flasche sowie aus einer ebenso vielversprechenden Normalflasche getrunken. 01: Immer wieder getrunken, oft unbewusst. Und immer mehr Zuschriften meiner Buchkäufer "empfahlen" mir, den Wein wieder einmal zu kosten. Heute, an diesem Sonntagabend komme ich mir vor wie Albert Einstein ("Erst jetzt weiss ich, dass ich nichts weiss!"): Die Farbe leuchtend, völlig intakt, wenig Reifetöne, lediglich etwas aufhellend. Das Bouquet schlank, eher harmlos, toskanische Kräuternoten zeigend, dahinter Leder, Bastholz, erdige Terroirtöne. Im Gaumen ebenfalls tendenziell schlank, abklingende Frucht, roter Holunder, immer süsser werdend, nach einer Stunde Himbeeren und Pfirsichkerne, zeigt noch ausbauende Tannine, pelzige Zunge, stützende Struktur. Hat er eine sanfte, für sich selbst nichts sagende Reduktionsphase oder habe ich mich sinnlos getäuscht? Oder war der 89er GPL nur ein Fruchtphasenwein? Ich glaube es einfach nicht, weil ich den 79er wohl 100 Mal getrunken habe und auch weiss, dass der 86er noch nirgends ist. Somit dürfte hier doch noch ein veritabler Pauillac heranwachsen. Und sonst werde ich mich öffentlich dafür entschuldigen. Momentanwertung: 17/20 mit grosser Hoffnung verbunden. 01: März: Blind serviert bekommen, zwei Stunden zuvor geöffnet: Erdig, fruchtlos und banal. Gibt es nicht nur verschiedene Ansichten, sondern auch verschieden Flaschen? 02: Fruchtiges, kompaktes Bouquet, viel rote und blaue Beeren, auch Kirschen, würzig, tiefgründig, unentwickelt. Saftiger, kräftiger Gaumen, wieder schöne Fruchtbeerentöne, reife, aber markante Tannine, burschikoser Wein mit ungehobelter Grösse, aber irgendwie doch nicht die Klasse zeigend, wie damals vermutet (17/20). 04: Extra um das Thema GPL 1989 nochmals unter die Lupe zu nehmen, eine Flasche geöffnet und während zwei Stunden mitverfolgt: Recht dunkle Farbe, wenig Reifetöne. Zu Beginn rauchiges Bouquet, recht tiefgründig, dann wird der Wein eher fruchtig und zeigt Brombeerkonturen. Feine Adstringenz, also wesentlich eleganter als noch vor zwei Jahren, schöne Fülle und auch Eleganz. Und mit jedem Schluck bin ich mir mehr sicher; dieser Wein kommt nochmals in Hochform, denn seine richtige Genussphase hat gar noch nicht begonnen. Eine Stunde dekantieren (18/20). 05: Der Wein wird immer feiner und eleganter, fast schon wie ein delikater Saint Julien (18/20). 06: Am grossen Gala-Abend in Vitznau. Man erspürt das grosse Potential und der Wein hat wieder zugelegt. Wenn man aber die reife Schönheit des 90er kennt, weiss man, dass dieser Wein (noch) ein wenig Zeit braucht. Man kann ihn aber mit kühlem, langem Dekantieren langsam aus dem Busch locken. 08: In letzter Zeit einige Male getrunken und - aus Erfahrung - immer etwa zwei Stunden dekantiert. Er kommt jetzt in seine allererste Genussreife und zeigt erst jetzt, nach langem Bangen, seine wirkliche Grösse. 11: Eine Magnum auf Grand Puy-Lacoste. Erstmals seine Grösse ein kleines Bisschen zeigend. Wer also eine Karaffe und ein paar Stunden Zeit hat, der kann langsam beginnen. (19/20). 14: Magnum. Noch recht dunkles, wenig gereiftes Rot, ganz fein aufhellender Rand aussen. Das Bouquet gibt sich in den ersten Minuten zurück haltend. Teernoten zeigen die spannende Tiefe an, getrocknete Pflaumenschalen, kalifornische Backpflaumen, Lakritze, schwarzes Pfeffermehl, trocken und – leider immer noch – ziemlich reduktiv. Im Gaumen fest, zeigt eine angenehme Süsse, durch die noch recht aktiven Tannine, ist der generelle Ausgleich noch nicht ganz geschafft. Der Wein hat immer noch ziemlich viel Reserve und es ist kaum zu glauben, aber durch seine im Innern versprechende Klassik, würde ich ihn sehr lange dekantieren, oder halt noch warten. Vielleicht war dies eine durch Magnum provozierte Situation. (18/20). 15: Weil ich mir immer noch ziemlich sicher war, habe ich ihm fast alles verziehen. Heute ist leider, nach doch immerhin 25 Jahren Flaschenreife, Zeit Bilanz zu ziehen. Und diese sieht nicht so gut aus. Es ist zwar immer noch ein sehr guter Pauillac, aber er macht keine Performance mehr. Er verliert jetzt leider zwei ganze Punkte, seit seinen besten Bewertungen. (18/20). 16: Mittleres Granat mit erstem Reifeschimmer. Das Nasenbild brauchte etwa 10 Minuten Startluft, dann legte das Bouquet vorsichtig, aber doch stetig zu. Vermittelt die pflaumige 1989er-Süsse – ohne den Eindruck von überreifem Traubengut wie bei vielen anderen, vergleichbaren Crus. Nach einer Viertelstunde dezent laktisch, was auf die weichere, respektive tiefere Säure zurück zu führen ist. Gibt sich immer fülliger und reflektiert Terroirwärme in Form von Sommertrüffeln. Der Gaumen zeigt Charme, eine angenehme Fülle und runde, gereifte Tannine. Jetzt zum ersten Mal (nach langen Verschlussjahren) in der lange anhaltenden Genussreife. Ein nobler Cru! Momentan steht er noch hinter seinem eigenen 1990er. (18/20). 17: Magnum. Dunkles Weinrot mit satter Mitte. Das tiefgründige Bouquet duftet nach Wildleder, Moschus, Pflaumen und Trüffel, zeigt dabei eine barocke Tiefe und fischt einen wunderbar süssen Terroirton aus dem Untergrund. Im Gaumen fest, fleischig mit ausgeglichener Adstringenz, die Tannine entwickeln sich mit der Flaschenreife nur langsam, sind aber glücklicherweise aussen mit Schmelz belegt. Ein grosser Wein auf dem Weg zum Klassiker. Eine Stunde dekantieren. Diese Magnum: 19/20. 19: Magnum. Dunkles Weinrot, dicht in der Mitte, es sind fast noch keine Reifetöne ersichtlich. Das Bouquet ist gereift, zeigt pflaumig süsse Nuancen und vermittelt klar die hohe reife, respektive die Hitze des Jahrganges. Im zweiten Ansatz findet man Schokonoten und trüffelige Ansätze, dabei vermittelt er ziemlich füllige Konturen. Im Gaumen saftig, elegant und wunderschön balanciert. Jetzt in voller Reife. Die erste Magnum korkte leicht. Die Zweite lag voll auf meinem Erwartungsniveau. Genialer Grand-Puy-Lacoste! (19/20). 19: Eine der dunkelsten Farben in dieser Serie. Das spontan ansprechende Bouquet ist gleich zu Beginn offen, zeigt Damassine Pflaumen, Brombeeren und Heidelbeeren und vermittelt mit seiner Fülle buttrige Konturen. Im Gaumen ist er komplex und geschmeidig gleichzeitig. Im Finale kommt eine fein rauchige, würzige, dezent stielige Cabernet-Würze zum Tragen. Hier findet man die Erklärung zum Adjektiv Trinkfluss. Er ist jetzt auf dem Peak und wird sich, dank seiner hervorragenden Balance, noch lange so halten können. Also ist da absolut keine Eile angesagt. (19/20). 19: Magnumflaschen. Noch immer jugendlich und dunkel. Das Bouquet liefert viel dunkle Beeren ab, vor allem Brombeeren, ausladend, mit fein buttriger Fülle. Saftiger, supereleganter Gaumen mit bezaubernder Balance, sehr lang und mit einem rekordverdächtigen Trinkfluss ausgestattet. Sensationelle Magnumflaschen auf höchstem Genussniveau. Kam auch beim Publikum – trotz harter Premier-Konkurrenz im gleichen Flight – sehr gut an. (19/20).