Vier Sancerre-Winzer, die man kennen sollte

3 Sancerre-Flaschen von Domaine Henri Buorgeois

Von biodynamischen Pionieren bis zu handwerklichen Perfektionisten: Vier Sancerre-Weingüter, die ihre Böden wie eine Partitur lesen – und daraus Weine machen, die man nicht vergisst.

Es gibt Appellationen, die man trinkt. Und es gibt Sancerre.

An den Hängen der oberen Loire, wo Feuerstein auf Kalkstein trifft und kimmeridgische Mergel die Reben mit einer Mineralität versorgen, die man schmeckt, bevor man sie versteht, entsteht etwas, das über Sauvignon blanc hinausgeht. Vorausgesetzt, jemand liest das Terroir richtig.

Die vier Sancerre-Weingüter, die ich hier vorstelle, tun genau das. Diese Familien, die seit Jahrhunderten an denselben Hängen der Loire arbeiten – und die wissen, dass jede Parzelle eine eigene Sprache spricht.

Alphonse Mellot: Wenn der König mitgetrunken hat

Neunzehn Generationen. Ununterbrochen. Seit 1513. Das sind Zahlen, bei denen man kurz innehält.

Alphonse Mellot bewirtschaftet 30 Hektar rund um La Moussière, biodynamisch, mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts mit Trend zu tun hat. Hier wird Wissen perpetuiert, das bis in die Zeit zurückreicht, als César Mellot Ludwig XIV. bei der Weinauswahl beriet. Man könnte jetzt von „königlichem Erbe" sprechen, aber das wäre zu einfach. Interessanter ist, dass dieses Gut die Biodynamie nicht als Statement begreift, sondern als logische Fortsetzung dessen, was schon immer galt: Hör zu, was der Boden dir sagt.

Henri Bourgeois: Lagenvinifikation, bevor es hip war

In Chavignol, wo die Ziegen genauso berühmt sind wie die Weine, liegt Henri Bourgeois. 72 Hektar, verteilt auf ein Mosaik unterschiedlicher Böden. Was woanders nach Größe klingen würde, ist hier vor allem eines: Präzision.

Henri Bourgeois war Pionier der Lagenvinifikation in Sancerre. Das bedeutet: Jede Parzelle wird separat vinifiziert, weil jede Parzelle etwas anderes zu erzählen hat. 2023 kam die Biozertifizierung hinzu. Nicht mit großem Tamtam, sondern als konsequenter Schritt eines Guts, das schon immer genau hingeschaut hat.

🍇Sauvignon Blanc: eine niemals langweilig werdende Rebsorte

Domaine Vincent Pinard: Die Rolls-Royce-Fraktion

In Bué arbeiten die Brüder Florent und Clément Pinard auf 17 Hektar, biologisch, mit indigenen Hefen, langer Reifung und minimalem Schwefel. La Revue du Vin de France nennt das Domaine Vincent Pinard den „Rolls-Royce der Sancerres".

Das klingt nach Luxus, ist aber vor allem: Handwerk, das an Goldschmiedekunst grenzt. Hier wird nichts forciert, nichts beschönigt. Die Weine brauchen Zeit. Und Aufmerksamkeit. Wer schnelle Antworten sucht, ist hier falsch.

Maison Joseph Mellot: Die große Perspektive

Während die anderen drei sich auf Sancerre konzentrieren, nimmt Joseph Mellot die gesamte Centre-Loire in den Blick. 100 Hektar, verteilt auf alle Appellationen der Region: Sancerre, Pouilly-Fumé, Quincy, Menetou-Salon. Auch hier: eine Familiengeschichte, die bis 1513 zurückreicht.

Die Sauvignon Blancs und Pinot Noirs von Joseph Mellot bestechen mit Authentizität, Eleganz und kompromisslosem Terroir-Ausdruck. Ausgebaut werden die Weine in Eichenfässern aus den Wäldern von Saint-Palais und Allogny.

Vier Winzer-Familien, ein Gedanke

Was diese Loire-Weinggüter verbindet, ist keine gemeinsame Philosophie. Es ist etwas Einfacheres: Respekt vor dem Terroir. Und die Erkenntnis, dass große Weine nicht gemacht werden, sondern entstehen – wenn man ihnen den Raum lässt.

Wer die Essenz der westfranzösischen Spitzenappellation erleben will, sollte zugreifen.

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Sancerre Rotwein, oder die Eleganz des Understatements

Sancerre wird gemeinhin mit strahlenden Sauvignon-Blanc-Weinen assoziiert – doch die Appellation birgt ein gut gehütetes Geheimnis: Rotwein. Sancerre Rouge, ausschließlich aus Pinot Noir gekeltert, überrascht selbst erfahrene Kenner und eröffnet eine weniger bekannte, umso reizvollere Facette der Loire.

Historisch betrachtet ist dieser rote Stil übrigens keineswegs eine Randerscheinung. Vor der Reblauskrise im 19. Jahrhundert dominierten rote Rebsorten die Weinberge von Sancerre. Der heutige Ruhm der Weißweine ist somit eher das Ergebnis einer späteren Entwicklung, während der Rotwein an eine tief verwurzelte Tradition anknüpft.

Im Glas zeigt sich Pinot Noir aus Sancerre von bemerkenswerter Finesse. Die Aromatik erinnert an frische rote Beeren, feine Gewürznoten und gelegentlich eine mineralische, fast rauchige Nuance. Im Vergleich zu burgundischen Pendants präsentiert sich der Stil oft kühler, geradliniger und von lebendiger Frische geprägt – ein Pinot Noir, der mit subtiler Eleganz statt mit Kraft überzeugt.

Ein vielseitiger Speisenbegleiter

Gerade diese Leichtigkeit macht ihn zu einem vielseitigen Speisenbegleiter. Überraschend harmonisch zeigt er sich etwa zu Ziegenkäse, einer klassischen Spezialität der Region, und bricht damit auf elegante Weise mit gängigen Konventionen.

Sancerre Rouge verkörpert letztlich eine diskrete, fast intime Interpretation des Pinot Noir – fernab großer Namen, aber voller Charakter. Ein Wein für Liebhaber, die das Unerwartete schätzen und in der Zurückhaltung die wahre Raffinesse erkennen.

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