Sauternes oder Barsac? Wenn süß nicht gleich süß ist

Sauternes oder Barsac? Wenn süß nicht gleich süß ist

Sie teilen sich Botrytis und Ruhm, doch stilistisch unterscheiden sie sich mitunter stark: Ein Blick auf Yquem und Co., Böden, Nebel und die Frage, was die Süßwein-Ikonen aus Bordeaux so besonders macht.

Was unterscheidet die Premier Cru Classé-Legende Yquem stilistisch von einem Château Climens? Oder einen Rieussec von einem Coutet? Die Frage ist keine Spitzfindigkeit für Nerds. Sie ist eine Grundsatzentscheidung, bei der es um Opulenz und Eleganz geht, um Aprikosenkonfitüre und Zitrusfrische.

Die Sonderregel, die alles kompliziert macht

Fangen wir mit der Verwirrung an: Barsac ist Teil von Sauternes. Aber Barsac darf auch Barsac sein. Klingt nach juristischem Hickhack? Ist es auch. Die AOC Sauternes umfasst fünf Gemeinden: Sauternes selbst, Bommes, Fargues, Preignac – und eben Barsac. Während Château Suduiraut, Rieussec oder Guiraud sich brav „Sauternes“ auf die Flasche schreiben müssen, haben Climens, Coutet und Doisy-Daëne die Wahl: Sie dürfen ihre Weine als „Barsac“ oder als „Sauternes“ deklarieren. Diese Wahlfreiheit ist im französischen Weinrecht selten. Und sie ist kein Zufall.

Kalk gegen Kies: Geologie als Geschmacksfrage

Der Ciron ist schuld. Dieser kleine, kalte Fluss schlängelt sich durch die Landschaft südlich von Bordeaux und teilt die Welt der edelsüßen Weine in zwei Lager. Nördlich des Ciron gedeihen die Barsac-Weine auf einem Plateau aus fast reinem Kalk. Flach, hell, karg. Südlich liegen die anderen vier Gemeinden auf Böden mit mehr Kies, Sand und Lehm. Hier ist es hügeliger und wärmer. Kalk bringt Spannung in den Wein. Er hält die Säure hoch, auch wenn die Trauben vor Zucker platzen. Kies und Sand dagegen geben Fülle, Struktur und Wärme. Das schmeckt man. Auch blind.

Samt oder Seide, das ist die Frage

Interessant ist hier die Gegenüberstellung verschiedener Vertreter der Weinbauregionen, beispielsweise von Château Climens und Château d'Yquem: Der Climens mutet seidig-zitronig an, während im Yquem samtige Aprikosenkonfitüre auf Safran trifft. Beides schmeckt großartig. Aber keinesfalls sind die Weine austauschbar.

Sémillon, Sauvignon Blanc und die Muscadelle-Frage

Die Rebsorten sind in beiden Regionen dieselben: Die Sémillon-Traube dominiert mit rund 80 Prozent, Sauvignon Blanc steuert 15 bis 20 Prozent bei, Muscadelle taucht als aromatische Ergänzung auf. Doch auch hier zeigt sich der Unterschied.

Auf den Kalkböden von Barsac bringt Sauvignon Blanc oft nicht die Qualität, die man sich wünscht. Deshalb verzichtet Château Climens komplett darauf und setzt auf reinen Sémillon. In den anderen Gemeinden, wo die Böden schwerer sind, funktioniert Sauvignon Blanc besser. Er bringt Zitrusnoten, Spannung, Länge. Und er verhindert, dass die Weine zu dick, zu süß oder zu einschläfernd werden.

Muscadelle ist die Diva im Trio

Die Sorte bringt Blütenduft und exotische Noten, aber sie ist launisch und anfällig. Deshalb setzen die meisten Winzer sie nur in homöopathischen Dosen ein. Oder gar nicht.

Pilz und flüssiges Gold

Ohne Botrytis cinerea gäbe es die Bordeaux-Süßweine nicht. Dieser Pilz – „Edelfäule“ genannt, weil er aus Trauben flüssiges Gold macht – ist der eigentliche Star. Er perforiert die Traubenhäute, lässt Wasser verdunsten und konzentriert Zucker, Säure und Aromen auf ein Vielfaches. Aber Botrytis funktioniert nicht auf Knopfdruck. Er braucht Nebel. Viel Nebel. Und den gibt es hier, weil der kalte Ciron auf die wärmere Garonne trifft. Im Herbst steigen die Schwaden morgens auf, legen sich über die Weinberge und schaffen die feuchte Wärme, die der Pilz liebt. Nachmittags kommt die Sonne, trocknet die Trauben und verhindert Fäulnis.

Dieses Wechselspiel ist präzise, fragil und jedes Jahr anders

Deshalb lesen die Winzer in mehreren Durchgängen – „tries“ genannt. Nur die Beeren, die den richtigen Grad an Botrytis haben, werden geerntet. Der Rest bleibt hängen. Das kann sich über Wochen hinziehen. Die Erträge sind lächerlich niedrig: 9 bis 15 Hektoliter pro Hektar. Das sind 1.500 bis 2.000 Flaschen. Von einem Hektar. Zum Vergleich: Ein normaler Bordeaux-Rotwein bringt oft 50 Hektoliter. Kein Wunder also, dass diese Weine teuer sind.

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Opulenz oder Finesse?

Sauternes: üppig und körperreich

Die Weine aus Bommes, Fargues, Preignac und der Gemeinde Sauternes selbst sind üppiger und körperreicher. Sie schmecken nach kandierten Orangenzesten, Aprikosenkompott, Honig und Safran. Jung sind sie saftig und kraftvoll, mit einer Botrytiswürze, die an Pilze und Herbstwald erinnert. Mit der Zeit entwickeln sie Noten von Trüffeln, Eukalyptus, Harz und Rosen.

Barsac: Eleganz- en masse

Barsac-Weine gelten als zurückhaltender. Die Tropfen haben mehr Zug, mehr Säure und mehr Kalkstein-Mineralität. Sie sind weniger süß im Mundgefühl, auch wenn der Restzucker oft ähnlich hoch ist. Die Balance ist feiner. Die Aromen tendieren zu Zitrusfrüchten, weißen Blüten und Ingwer.

Die Klassifizierung von 1855 und ihre Helden

1855 wurden 26 Weingüter aus Sauternes klassifiziert. An der Spitze, als einziger „Premier Cru Supérieur“: Château d'Yquem. Darunter elf Premier Crus und fünfzehn Châteaux mit dem Status Deuxième Cru. Die Klassifizierung gilt bis heute und ist – anders als beim Médoc – weitgehend unumstritten. Man unterscheidet drei Qualitätsstufen:

Premier Cru Supérieur

Yquem ist die Ikone. Der Sauternes-Wein sammelt bei Verkostungen regelmäßig 97 Punkte und mehr ein. Für das Château wurde eine einzigartige Kategorie geschaffen, als Anerkennung seiner außergewöhnlichen Qualität.

Premiers Crus

Auch Château Suduiraut und Château Rieussec sowie Château Climens und Château Coutet spielen in der obersten Liga. Zu den Premiers Crus Classés zählen insgesamt 11 Châteaux, darunter u. a.:

▪️Château Suduiraut
▪️Château Lafaurie-Peyraguey
▪️Château Coutet
▪️Château Climens
▪️Château Guiraud
▪️Château Rieussec

Deuxièmes Crus

Die Deuxièmes Crus Classés umfassen 15 Châteaux, die drei berühmtesten sind:

▪️Château Doisy-Daëne
▪️Château Doisy-Védrines
▪️Château Nairac 

Cru Classé-Ikone versus Zweitwein

Was genau ist eigentlich ein Zweitwein?

Ein Zweitwein ist ein Wein, der vom selben Château und aus denselben Weinbergen stammt wie der Grand Vin, jedoch nicht die strengen Auswahlkriterien für den Erstwein erfüllt. Er entsteht meist aus jüngeren Rebstöcken, aus Parzellen mit anderem Ausdruck oder aus Fässern, die als weniger komplex, weniger konzentriert oder stilistisch abweichend beurteilt werden.

Der ideale Einstieg in die Süßwein-Welt von Bordeaux

Im Unterschied zu einem einfachen Zweitlabel ist ein Zweitwein kein qualitativ minderwertiger Wein, sondern eine bewusste Selektion innerhalb eines Spitzenbetriebs. Castelnau de Suduiraut, Carmes de Rieussec, Le Petit Guiraud, Madame de Rayne, Cyprès de Climens, Chartreuse de Coutet ... Was alle diese Tropfen gemeinsam haben? Sie sind der ideale Einstieg in die Süßwein-Welt von Bordeaux. Preislich moderater, stilistisch zugänglich, aber niemals beliebig. Die Zweitweine der großen Châteaux sind keine Notlösung. Sie sind eine Philosophie. Sie tragen die Handschrift ihrer großen Geschwister, sind preislich hochinteressant und früher trinkbar, ohne banal zu werden.

Die trockenen Weine der Süßwein-Legenden

Und dann ist da Y d'Yquem. Kein Zweitwein, sondern ein Statement: trocken, weiß, Yquem. Ein Wein, der beweist, dass man auch ohne Botrytis im Sauternes Weltklasse sein kann. Daneben steht der Grand Vin Sec de Doisy-Daëne – ebenfalls trocken, ebenfalls kein Zweitwein im klassischen Sinn, aber international verehrt wie ein heimlicher Cru Classé.

Und jetzt?

Die Antwort hängt davon ab, was man sucht. Wer Kraft, Fülle und barocke Aromenvielfalt will, greift zu einer Flasche Sauternes. Wer Eleganz, Frische und Spannung bevorzugt, wählt Barsac. Beide sind großartig. Beide sind selten. Und beide erinnern daran, dass Süße nicht gleich Süße ist.

Was genau ist eigentlich ein Cru Classé?

In Bordeaux bezieht sich der Begriff Grand Cru auf das Weingut, im hochkomplexen Klassifikationssystem des Burgunds auf das Terroir, in der Champagne auf die Ortschaft. In unserem Beitrag Grand Cru: Ein Leitfaden durch Frankreichs Qualitätslabyrinth haben wir uns den oft zitierten, aber selten richtig verstandenen Begriff genauer angeschaut.

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