René Gabriel
86: Eine der beeindruckendsten Fassproben: Ein derartig tiefer, fast schwarzer Wein kam mir noch nie aus dem Fass direkt ins Glas. Gehörte bereits bei den Primeurproben zu den Favoriten des Jahrganges. Trotz der vielen Gerbstoffe verschloss sich der Wein praktisch nie vollständig, was mich dazu drängte, ihn immer wieder zu bestellen und auch zu Hause oft zu trinken. 1999 überraschte er mit einer gewissen Trendwende in seiner Aromatik, weil er anstatt seine Frucht abzuschliessen, um dann zum klassischen Bordeaux zu werden, eher eine Sangiovese-Affinität aufbaute und mit seinem Schokoladentouch zum Frankreich/Toskaner mutierte. 03: Jetzt sanft aufhellend, noch dicht in der Mitte, aber aussen orange Reflexe zeigend. Das Bouquet weist Wärme, Dörrfrüchte und Himbeerkerne auf. Im Gaumen scheinen die Gerbstoffe jetzt sanft anzutrocknen, was ihm einerseits Genussreife attestiert, ihm aber auch verunmöglicht zuzulegen. Soll man ihn austrinken oder verbirgt sich in der Gerbstofftrockenheit nochmals eine kleine Reserve? (18/20). 05: Eine reife Flasche die noch Fruchtresten in sich trug, die sich aber mit waldigen Aromen vermischten. Im Herbst im Stubaital: Aufhellendes Granat, rubiner Rand. Eher schlank anmutendes Bouquet, das Nasenbild beginnt mit roten Kirschen, zeigt dann frisch gerösteten Kaffee und reife Pflaumen, elegant, duftig und vielschichtig. Für einen St. Estèphe erstaunlich fein gegliederter Gaumen, wieder Kaffeenoten, immer noch sehr frisch und ein genial gereifter, sehr eleganter Wein mit einer tollen Gesamtaromatik (18/20). Gehörte an der Cos-Vertikale von Stefan Huwiler zu den allerschönsten Weinen! (18/20). 10: Mittleres Granat, leuchtend. Rote Paprika, Rosenpfefferkörner, Mocca, wirkt recht jung in der Nase. Im Gaumen leichter als bei früheren Proben, dezent sehnig, die Gerbstoffe beginnen zu zerren, noch gut, aber jetzt höchste Zeit. Geht langsam auf die 17/20 zu. 12: Bei einem Lunch auf Cos. Der geniale und wesentlich konzentriertere 1985er stand daneben. Man spürt jetzt die Süsse von Merlot und das gemüsige vom Caberent, also dividiert sich der Wein mehr und mehr auseinander. Nicht dekantieren und kühl trinken. (17/20). 15: Gereiftes Weinrot mit ziegelrotem Schimmer am Rand. Reifes Bouquet, so eine Art Rotschmierkäserinde zu Beginn, dann süsses Pflaumenkompott. Weicher Beginn im Mundraum und hoch reif, zeigt im zweiten Ansatz deutlich laktische Noten, gefällt aber im Gaumen letztendlich besser als in der Nase. Er musste sich aber vom phänomenalen Meyney geschlagen geben. Am Ende der Genussphase. (17/20). 16: Eine erstaunlich tiefe Farbe, matt zwar, aber irgendwie sah ich – weil da recht viel im Glas war – schier schwarze Reflexe. Die Nase ist hoch reif, es sind pilzige Töne mit dabei. Ich habe das ähnlich erlebt beim 1986er Cos in den letzten Jahren. Im Gaumen reif, leicht gezehrt, zeigt trotz der genialen Farbe eine Alterspatina. Ich hatte ihn nicht so müde erwartet? Gibt es da noch besser erhaltene Flaschen? Ich hoffe es. Punktewertung für diese Flasche: 16/20 vorbei. 20: Beim Einschenken entstanden viele, recht grosse Kohlensäureblasen. Diese dezimierten sich nach ein paar Minuten, wurden kleiner, blieben aber sehr lange an der Oberfläche am Glasrand. Recht dunkle Farbe, wenig Reifetöne. Beruhigendes, klassisches Médoc Bouquet, schwarze Pfefferkörner, Bakelit, Rauch, dunkles Leder, Backpflaumen und Korinthen. Letztere sind nur in der Aromatik zu finden, die dazu passende Süsse ist nicht da. Was aber kein Makel ist. Vor allem hat erstaunte er mich, wie intakt dieser 35jährige Saint Estèphe nasal noch daherkam. Im zweiten Ansatz findet man noch Himbeerranken und getrocknete Preiselbeeren. Im Gaumen schlank, erhaben, galant, saftig, lang und aromatisch. Im Finale zeigt sich eine fein grüne Cabernet-Sauvignon-Note. Das ist kein Makel, sondern eine Jahrgangstypizität. Ein Mussewein der damaligen Cos-Zeit und diese Art gefällt mir heute noch. Da ging man nicht nur bis ans oder gar über das Limit bei der Vinifikation. Man nahm die Jahrgänge so an, wie die Vorgabe der Natur war. Dabei ist zu vermerken, dass die heute anzutreffenden 1985er-Flaschen sehr unterschiedlich sein können. Zuweilen sackten ein paar Kontakte mit diesem Wein bis zu 16-Punkten ab. Hier hatte ich eine veritable Renaissance im Glas. (18/20). Jedoch nur für eine Stunde. Dann wurder müde. (16/20).