René Gabriel
Das erste Mal seit fünfzehn Jahren verwendete man 7 % Cabernet Franc im Grand Vin. Ebenfalls kam seit dem letzten Jahr der Merlot mit einem Anteil von 23 % wieder zum Zuge, der Rest ist Cabernet Sauvignon. 96: Fassprobe (18/20): Subtiles, feingliedriges Bouquet, Edelhölzer, viel Merlot- und Cabernet-Parfüm. Im Gaumen eine wahre Delikatesse, zu feminin für einen Pauillac, zu kräftig für einen Libournaiser, gut balanciert, das Holz wirkt vanillig dominierend und drückt dem Wein im Moment einen Briefmarkenstempel auf. Wieder einmal mehr stellt sich hier die Frage, ob schlanke Finesse den Pauillac-Power aufwiegen kann? Fast "ja" könnte man behaupten – aber eben nicht ganz. Nochmals im September 1996 nachdegustiert: Er war sehr füllig und von einer geballten, fast komplexen Süsse mit pflaumigen Noten darin, Sandelholz sowie einem Hauch Amarenakirschen. Obwohl die Barriquen nur leicht getoastet sind, spürte man einen grossen Eindruck von frisch geröstetem Kaffee und vielen Nuancen von Edelhölzern. Der Gaumen zeigte aussen Charme, doch im Extrakt hatte er einen recht intensiven, gerbstoffreichen Charakter, der ihm im Moment noch eine gewisse, grobe Struktur verleiht. Trotzdem wird er immer mehr zur Finesse neigen und sehr kraftvoll wie elegant werden, Punktetendenz zunehmend. 97: Dezentes, leicht mineralisches Bouquet, reife Frucht, wirkt fast parfümiert, sehr delikat. Im Gaumen saftig, seidige Textur, fast Margaux-ähnlich, viel Souplesse. Ein sehr delikater Lafite mit viel süssem, fast sandelholzartigen Rückaroma. 00: Delikates, feines Bouquet, rote Kirschen und Maulbeeren, wirkt parfümiert ja fast ein wenig pfeffrig. Bleibt auch im Gaumen eher rotbeerig, mit einer säuerlich-süssen Weichselnote im Extrakt, zart blumige Noten, wirkt noch etwas aggressiv, weil sich eine kernige, leicht zähnebeschlagende Note durch die intense Adstringenz zeigt, Himbeerkerne, viel Rasse, komplett unzugänglich und durch seine komprimierte Tannin-Säure-Struktur fast ein wenig arrogant, braucht noch viel Geduld. 02: Zwischen genial und zweifelhaft: Eine Flasche war stark korkig, eine dumpf, eine wiederum völlig verrückt und so gut, dass man fast das Gefühlt hatte, sehr nahe (nicht nur wenn man die letzten zwei Zahlen umdreht), am legendären 59er zu sein: Dichtes Granat-Purpur. Konzentriertes, verführerisch süsses Bouquet, Zitronenthymian wie ein Rayas-Rhônewein, sehr delikat, fast parfümiert, ja jetzt schon berauschend. Stoffiger, enorm konzentrierter Gaumen, helle Edelholnoten, Vanille, Zedern, Weihrauch, Heitz-, Eucalyptuskonturen, feinsandige Tannine, erst beim Schlürfen bemerkt man die Genialität dieses grossen Weines, der mich heute erstmals so richtig auf 19/20 Punktniveau überzeugt. 03: Ein dramatischer Wein, der jetzt immer mehr diese Cakes-, Früchtenote und auch Moschus zeigt. Kann noch sehr, sehr gross werden und liegt jetzt schon nahe der Jahrhundertschwelle. Jede Flasche, die jetzt schon getrunken wird, ist ein kleines Verbrechen. 05: Sattes, dunkles Purpur-Granat mit violetten Reflexen. Grossartiges, ausladendes Bordeauxbouquet, Brombeeren, Palisandernoten, Trüffel und fermentierter Tee, stetig zulegend. Im Gaumen rahmig, mit einer fast pomerolhaften Fülle, Kandisnoten, Black Currant, der Wein hat jetzt schon viel Charme und seine Harmonie bereits gefunden. Ein grossartiger, finessenreicher Lafite. 07: Lucien Schmidlin dekantierte ihn 3 Stunden. Offensichtlich genau das richtige Mass. Wir waren hin und weg und mussten auch nicht sonderlich aufpassen bei der Verteilung des Weines auf die 5 Personen die sich am Tisch im Ferienhaus in Ste. Maxime befanden. Denn in der etwas grösseren Karaffe schlummerten zwei Flaschen. 08: Ein süsser, delikater, tänzerischer Lafite mit einem berauschenden Parfüm im Innern. Man muss nur lange schlürfen um es zu finden. Knapp vor der Maximalnote. 09: Nach dem Palmer 1981 war er fast etwas diskret - aber die Süsse im Gaumen zeigt seine Grösse. Einfach lange schlürfen und dann träumen. 10: Im lauten Restaurant Brandenberg ging dieser halbleise Lafite fast etwas unter. Wunderschön elegant mit mildsüssen Tanninen und einer bestechenden Balance. So schmecken Pauillac-Träume! 11: Mitteldunkles Granat. Öffnet sich nur zaghaft, zeigt dabei kandierte Fruchtnoten, geröstete Nüsse, und caramelisierte Mandeln, Brotkruste, etwas Milchkaffee, delikat und vielschichtig. Im konzentrierten Gaumen sehr stoffig und somit irgendwie an einen grossen Margaux erinnernd, viele, feminine Züge, immer noch viel Gesamtfrucht, tolle Kräuternuancen mit Riccolatouch, dezent trocken, aber das liegt an der Jugend, beim Schlürfen kommt das volle Lafite-Aroma durch. Zwei Stunden dekantieren. (19/20). 14: Die absolute Perfektion. Dunkles Granat. Kompaktes Bouquet aber dann doch nicht so kompakt, dass nicht sehr viele grossartige Aromen schon durchsickern, die typische Lafitesüsse vermischt sich mit sehr tiefgründigen Pauillac-Aromen. Die hoch feinen, genialen Tannine sind im absoluten Sonderklassebereich. Das war der erste, richtig konzentrierte Lafite der neueren Epoche, nach dem dieser Premier früher Jahrzehntelang durch helle Farben und «delikater Oberflächlichkeit» glänzte. Ein bewegender Schluck am Geburtstag von Viktor Jans. Und dann gleich noch einer! (20/20). 15: Mittleres Granat-Purpur, dezent ziegelroter Rand. Malziges Bouquet, Kirmesmandeln, dunkles Caramel, Butternoten, weit ausladend und erstaunlich zugänglich. Im zweiten Ansatz feinste Kräutertöne, trotz der Fülle gibt es da auch ganz frische Komponenten mit drin. Im Gaumen wie ein eleganter Rioja (nicht abwertend gemeint!) malzige, schmelzende Tannine. Im Gegensatz zum Mouton und Latour war dies der reifste Wein. Er war aber auch der einzige Premier, welcher in der Normalflasche «daher kam». Das war eine geniale Delikatesse und er erinnert an die frühere delikate Süsse von alten, grossen Lafite-Jahrgängen. Eine superbe, tänzerische Delikatesse. Er hinterlässt keine Fragen – nur eine Antwort; das ist garantiert ein sinnlicher Jahrhundertwein. (20/20). 17: Magnum. Recht dunkles Granat, mit rubinen Reflexen am Rand. Parfümiertes, sehr vielschichtiges Bouquet. Deutlich mineralische Spuren; Terpentin, Grafit; Erdöl, aber in einer tiefschürfenden, sehr ansprechenden Form. Das Nasenbild ist berauschend, tiefgründig und zeigt eine die Pauillac-Klasse. Im Gaumen extrem stoffig, hochfein, zart gewobene Tanninflechten, alles perfekt ausgeglichen, ein Balanceakt auf hohem Niveau. In einer ersten, überaus faszinierenden Reife. Gehört zu den Riesen-Lafite‘s! Ein Wahnsinnschluck. Und das war ein recht grosser Schluck, denn wir hatten diesen Wein ja in der Magnum. Dank Lucien. (20/20). 20: Dunkle Farbe, satte Mitte, aussen feine Reife anzeigend. Die Nase zeigt sich röstig, minime Glutamatspuren, süsse Pflaumen, Anklänge von Dörrfrüchten, Kaffee, Pumpernickelbrot. Er gibt sich sehr intensiv, zu Kopf steigend und ist ziemlich offen. Stoffig, fleischiger, zeigt im sehr satten Extrakt eine noble Bitterkeit (Reserven). Er scheint sich auf einen ersten Peak hin zu bewegen, verspricht aber durchaus ein paar weitere Genuss-Jahrzehnte. War der feinste Wein Premier-Pauillac-Blindserie. Legte permanent zu! (20/20).