René Gabriel
01: Fassprobe (19/20): 64 % der Ernte deklassiert! Ist es nicht so, dass man in einem sehr guten Jahrgang wenig deklassiert? Nur gerade 36 % der gesamten Ernte auf Lafite wird als "Grand Vin" verwendet. Was das in Zahlen ausgedrückt finanziell für das Weingut bedeutet, geht in die Millionen. Die fertige Assemblage besteht aus 93,3 % Cabernet Sauvignon und 6,7 % Merlot. Noch nie wurde so viel Presswein verwendet (insgesamt sind es 10 %): Delikates, fast parfümiertes Cabernet-Bouquet, Heidelbeeren, Lakritze, Edelhölzer. Im Gaumen erst schlank anmutend, dann zeigt der Wein aber doch sehr viel Stoff, eine herrliche Süsse. Auch hier (wie beim Carruades) eine klar ausgerichtete, direkte Cabernet-Aromatik, Fliedertöne und eine gebundene Caramelnote im langen, erhabenen Finale. Ein Lafite, der Samtpfoten hat und seine Krallen wohl im Innern versteckt. 03: Zweimal degustiert. Einmal an der Chile-Vergleichsprobe in München. Das andere Mal an der Lafite-Verkostung in Bad Aussee: Frisches, noch rohes Fruchtbouquet, extrem viel Kräuternoten, Lakritze, eine zarte, eichige Süsse, die mitschwingt, Zedernwürze, Tabak, Baumnussschalen, schwarze Edelhölzer, eine Erhabenheit und Grösse, die sich schon in der Nase bemerkbar macht, auch wenn der Wein überhaupt keine Kommunikationslust zeigt. Im Gaumen eine perfekte Adstringenz, intensives Tannin-Säure-Gerüst, extrem schwarzbeerig und eine dramatische Konzentration, nachhaltiges Finale, welches in seiner Aromatik eine Konklusion aus dem vorangegangenen Aromenspiel aufweist. Kann sich zu einem Jahrhundertwein entwickeln (19/20). Einer der allerbesten Weine an der grossen Three-Terroirs-Blindprobe im Hotel Ritz Carlton in Berlin – und hier hat er erstmals gezeigt, dass er wirklich zum Jahrhundertwein mutiert: Dunkles, tiefes Purpur mit violettem Schimmer. Volles Cassis- und Röstbouquet, warm, gewisse Pflaumentöne und auch eine wunderschöne Tiefe zeigend, bereits in der Nase eine Wucht mit dramatischem Potential. Im Gaumen samtig, noch viel Adstringenz, die aber feine und hoch reife Tannine zeigt, Cassis und Brombeeren zum Verschwenden und ein hyperkonzentriertes Extrakt, extrem nachhaltig. Fast eine Klasse für sich. 04: Ein Kindermord. Er wurde als letzter Rotwein während einem Diner auf Uto-Kulm serviert. Man sieht die Grösse, aber die Komponenten suchen noch nach deren Verbindung, traumhafte Süsse im Körper, extrem langer Nachhall. Nicht berühren und effektiv auf die Genussreife warten. (20/20). 07: Coburg-Tasting. Exttrem dunkel, satt undurchdringlich. Süsses Bouquet, Kandisnoten, dunkles Caramel, sanft laktisch, dezente Butternoten, schöne, passende Rösttöne, Cassis, ein Hauch Dörrfrüchte. Im Gaumen samtig, geschliffene, süsse Tannine, seidige Adstringenz, viel Wärme im Extrakt. Der Wein wurde 6 Stunden lang dekantiert und das war richtig so. Somit bot er einen Einblick wie er in ein paar Jahren sein könnte. Der Wein ist wesentlich feiner und für Lafite passender als der 1982er und 1986er. Liegt nahe bei 20/20! 11: Nicht besonders dramatisch dunkle Farbe für diesen Jahrgang. Superbes, delikates Bouquet, etwas Caramel, Butternoten, viel Zedern und dominikanischer Tabak, vielschichtig und parfümiert. Trotzdem der Wein sich momentan nur zu einem kleinen Teil zeigt, fasziniert er – ja berauscht sogar mit seinem ausufernden Nasenbild. Hochfeiner Gaumen mit seidigen Tannine, lang und tänzerisch. Durch den, eine halbe Stunde zuvor verkosteten, sensationellen 1982er-Lafite, habe ich hier das Gefühl, dass sein Nachfolger gefunden ist. Insgesamt jetzt schön anzugehen, aber das ist wohl trügerisch, dann zu ersten, grossen Reife, braucht diese 2000er-Beauty noch mindestens 10 Jahre. 19/20. 12: Leuchtendes Granat, dunkle Mitte. Wenig Kommunikation in der Nase, zarte Süsse, helles Caramel, Cassis, Zedernholznuancen, heller Tabak. Erst im Gaumen kommt die wahrliche Grösse, die Tannine sind präsent und trotzdem fein, bei Schlürfen kommt das unvergleichliche Lafite-Parfüm. Ein delikater, finessenreicher Lafite, der vielleicht gar einmal – in konzentrierterer Form – an den 1953er erinnern wird. (19/20). 15: Immer noch violette Reflexe im satten Purpur zeigend. Das Bouquet wirkt frisch, klar und zeigt eine leicht wachsige Cassisnase, alle Aromen sind noch im Primärbereich und klar ausgerichtet, sehr delikat und vielschichtig. Im Gaumen mit perfekter Adstringenz, sattes Extrakt, Brombeeren, Cassis und Edelhölzer. Im direkten Vergleich war dies der absolut grösste Wein des Abends. Ich hatte ihn früher auch schon mit 20/20 und jetzt war dies wieder fraglos der Fall. 17: Sattes Purpur, zeigt praktisch noch keine Reifetöne. Im Bouquet weisser Pfeffer, Ledertöne, dramatisch tiefgründig und eine trockene, konzentrierte Tiefe anzeigend. Man spürt die Grösse, aber man merkt auch sehr schnell, dass dieser Wein noch wenig Lust hat, sich zu öffnen. Im zweiten Ansatz zeigt er Teer und rauchige Konturen und erinnert so fast etwas an einen riesengrossen Hermitage. Im Gaumen ein Elixier von schwarzen Aromen. Er ist in sich gekehrt und doch mit sehr feinsandigen Tanninen. Auf dem Sprung zu einer möglichen Legende. Momentan heisst da die empfohlene Devise: «Do not touch!». (20/20). 22: Reifendes, dezent aufhellendes Weinrot. Er war auf jeden Fall recht viel heller wie der 1996er. Das Bouquet ist erstaunlich offen und gibt offensichtlich schon fast alles frei, was in ihm steckt. Zedernduft, Süssholz, dominikanischer Tabak, herrliche Kräutertöne. Im Gaumen spürt man noch tintige Spuren, Brombeeren, minim laktische Nuancen und somit gibt er sich fast burgundisch, tänzerisch und leicht. Dies. obwohl dann letztendlich viel mehr in ihm steckt, als man zu Beginn meint. Ein zu unterschätzender Lafite, den man jetzt trinken kann aber auch noch dreissig, vierzig Jahre weiter auf diesem genialen Genussniveau anzutreffen sein wird. (20/20).