René Gabriel
Sehr oft getrunken. Nie zu den ganz grossen Weinen des Jahrganges 1982 gezählt. 1986 hatte er während einer Blinddegustation grosse Mühe und zeigte sich in schwieriger Verfassung, denn es gelingt ihm offensichtlich nicht, sein Potential zu verarbeiten. Der 83er ist besser! 1992 habe ihn dreimal degustiert und immer noch kommt keine Begeisterung auf. Besonders unter Berücksichtigung, dass ich der Einzige bin, der an seinem Renommee zweifelt: Dichtes Purpur mit feinen, ziegelroten Reflexen im aufhellenden Rand. Offene, heisse Nase, Dörrfrüchte, rauchige Note. Im Gaumen einerseits mit Fett umgeben, andererseits trockene Gerbstoffmassen auf der Zunge. Mit meiner Note war ich von allen Teilnehmern am tiefsten. Ich bleibe aber der Ansicht, dass die 83er im Margaux-Gebiet allesamt grösser sind als die 82er. Mit einer Ausnahme: Château Lascombes! 1995 gelang es mir in einer Blindprobe, den Wein auf Anhieb zu erraten: Wirkt im Moment noch blockiert, zeigt nichts von jenem Charme, den man sonst von einem Château Margaux erwarten kann. Trotzdem entwickelt er sich mehr und mehr positiv, dachte ich, denn im gleichen Jahr war er eine der ganz grossen Enttäuschungen an einer 82er Blindprobe. 99: Kompottartige, nach Rosinen und überreifem Traubengut duftende Nase. Im Gaumen trockene Tannine, edelsüsses Paprika, sehr konzentriert, aber es fehlt ihm an Fett und Klasse (18/20). 00: Blind nach dem Haut-Brion 1982 als Zugabe bekommen: Sicherlich entwickelt er jetzt – durch seine weitere Flaschenreife – mehr Charme, doch die feine Trockenheit bleibt immer noch ein gewisser Maximalpunkteverhinderer. Immerhin zeigt der Wein eine buttrige Süsse und auch ein weiteres Potential. Also kann er vielleicht noch zulegen. Ob er allerdings ein ernsthafter Konkurrent für den dramatischen Margaux 1983 werden wird, wage ich noch auf längere Sicht zu bezweifeln!? 01: So kurz vor Weihnachten, blind serviert bekommen: Ich dachte erst, es sei ein Léoville 1990, weil Caramel, Butter und zarte Röstnoten vorhanden waren. Nicht besonders dick, sondern eher elegant, feiner Wachston und eine delikate, noch sehr junge Frucht. Im Gaumen viel schlanker als der bombastische 83er, aber auch hier delikat mit Maulbeeren und noch sehr jungfruchtig. 03: Sieben grosse Weine standen nebeneinander, alle wurden blind serviert. Im ersten Glas dieser Margaux 1982: Er gefiel mir irgendwie nicht so recht, zeigte eine leicht metallische Säure und die Gerbstoffe suchten eine Verbindung mit dem Fett und Fleisch. Als ich alle anderen Weine durchprobiert hatte, degustierte ich den ersten Wein nochmals. Das mache ich immer, um dem Wein eine zweite Chance zu geben. Die Kraft ist da, aber nach zwanzig Jahren hat dieser teure 82er Margaux (mehr als doppelt so teuer wie der 83er!!!) immer noch nicht seine Harmonie gefunden. Für mich ist die Garantiezeit abgelaufen und der Wein wird jetzt um einen Punkt. 05: Aus der Magnum wieder völlig nentwickelt und fast reduktiv. 07: Hardy Rodenstock liess den Wein zwei Stunden dekantieren und so erlebte ich mein bisher wohl bestes Margaux 1982er-Erlebnis. Also kommt der Wein doch noch. War sehr komplex, süss und zeigte Mandelröstnoten. Lag nahe bei 19/20. Hebe ihn jetzt wieder auf 18/20. 07: Mitteldunkel, innen Purpur, aussen rostrote Reflexe. Leicht süss, irgendwie schlank zu Beginn, wirkt aber erstaunlich frisch durch seine Kräuter- und Minzenoten, zeigt dabei auch feine Spuren von flüchtiger Säure. Saftiger Gaumen. tänzerisch, mit mittlerer Süsse, im Innern sanft trockene Tannine bei denen man nicht sicher ist, ob diese noch auf Reserven deuten oder nur den Wein noch erhalten (17/20). Ins Spanien stellte René Schmidlin diesen Wein neben den 1989 Margaux. Und der 1982er hatte kein eChance. Jetzt verliert er immer mehr die Frucht und es kommen metallische Noten zum Vorschein. In der Nase habe ich gar Polyestertöne gefunden. Das Finale ist nicht «Margaux-süss» genug um wirlich zu den grossen Bordeaux' zu gehören. Dank weiter hoch gelobten Parkerpunkten für weindumme Milionäre mit mehr Geld als Grips. (16/20). 10: Delikate, parfümierte Nase, eine herrliche Süsse zeigend, sanft rosinierend aber auch noch etwas Frisches in Form von Preiselbeeren darin zeigend, dominikanischer Tabak, Feigen und Rosinen. Im Gaumen stoffig, leider auch gewisse sperrige Tannine die nicht so ganz zu einem Margaux und auch nicht so richtig zum Jahrgang 1982 passen. 12: Leider eine korkige Flasche in Ludwigshafen. (18/20). 15: Da braucht es Nerven wie Drahtseile. Oder eine ganz grosse Ration Baldriantropfen! In derselben 1982er Serie korkte schon der Las-Cases. Dann konnte man sich mit dem sensationellen Lynch-Bages und dem klassischen Palmer 1982 wieder aufmuntern. Und dann dies; die Magnum Château Margaux korkte. 3000 Euro fürs Robinet… 16: Mittleres Granat mit wenig Reifetönen. Beginnt mineralisch, Feuersteintouch, kandierte Fruchtnoten, Darjeelingtee, rote Dörrpflaumen und helle Ledernoten. Im Gaumen aussen mit durchaus süssen Eindrücken, innen noch gerbig und körnige Tannine zeigend. Er erinnert vom Grundgeschmack her an einen gereiften Maremmawein. Das Extrakt fleischig mit einer kernig-pfeffrigen Mitte, das Tannin wirkt wie halb blockiert. Irgendwie ergibt sich daraus eine Variante «mehr Kraft wie Saft». Entwickelt er sich noch, oder behält er seinen etwas sperrigen Charakter? Wenn man einem grossen Château Margaux in der Regel eher etwas Feminines andichtet, so ist das männliche Gegenteil-Modul. Noch immer ist der 1983er im Markt wesentlich günstiger und im Glas etwas besser! Diese Flasche: 18/20. 17:Sanft gereift, in der Mitte noch ziemlich Granatrot, aussen fein ziegelroten Schimmer zeigend. Das Bouquet ist offen, zugänglich und strahlt eine grossartige Wärme aus, nicht rosinig, sondern hoch reife Beeren in schier kompottiger Form zeigend. Im zweiten Ansatz dominikanischer Tabak. Ein berauschendes und noch delikates Bouquet, welches viel Noblesse ausstrahlt. Ich habe rund 10 Minuten daran gerochen, bevor ich den ersten Schluck nahm. Im Gaumen stoffig, cremig, homogen und dabei eine unglaubliche, erhabene Nonchalance zeigend, das Finale ist gebündelt und ellenlang. Er wirkt um Nuancen schlanker als früher und hat dies mit einer berauschenden Eleganz kompensiert. Das war meine bisher beste Flasche von diesem Wein. Da lagen die 20/20 in schierer Griffnähe. (19/20). 18: Mittlerweile ist der Preis spannender wie der Wein selbt. Doch es immer noch ein riesengrosser Margaux. Halt von einer shizophrenen Art. Die Merlot scheinen zu rosinieren, derweil sich der Cabernetaneil im Wein immer noch eher hart anfühlt. Ich durfte ihn kommentieren und den Leuten schien er wesentlich bedingungsloser zu gefallen wie mir. Und wenn man einen solch raren Wein gratis trinken kann, dann sollte man auch etwas zurückhaltend sein. (18/20). 21: Weit mehr Kraft wie Finesse. Viel Rosinen, Kräuter und fast zu vielen, weiteren Tanninen. Die fehlende Harmonie macht er durch Arroganz wett. Lange dekantieren? (18/20). 22: Sattes, dunkles Purpur, relativ wenig Reifeschimmer. Geniales Bouquet, rote Beeren, Zedernholz, heller Tabak, edles Leder und Trüffel. Gibt sich erstaunlich tiefgründig und legt nach und nach neue Aromen Facetten frei. Konzentriertes Extrakt auf der Zunge, sehr nachhaltig und immer noch eine gewisse Adstringenz für weitere Jahrzehnte vermittelnd. Kein besonders feiner Château Margaux. Einer der irgendwie immer noch nach seiner Harmonie sucht, aber das macht er teilweise mit seinem Charakter (fast) wieder wett. (18/20).